"Religionsunterricht als Bildungszuwachs"


Schuljahresempfang des Evangelischen Religionsunterrichts am 16.VIII.2012 im Ev. Zentrum Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

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1. Vorbemerkungen Religion ist nicht Privatsache, sondern Teil der Gesellschaft. Religion ist nicht Privatsache, weil sich ihre Auswirkungen nicht auf das Private beschränken, sondern immer auch öffentlich wirken. Dies wird sichtbar an den Silhouetten der Städte und Dörfer, erlebbar im Jahreskreis der Feste bis hin zum Wochenrhythmus, dies findet Ausdruck in zahlreichen aktiven Begegnungen von Menschen, deren Religiosität keineswegs nur im Privaten erkennbar ist.
Religion dient der Gesellschaft, weil sie Menschen darin unterstützt, über sich selbst hinaus verantwortlich zu denken und zu handeln, sie stiftet Werte, weil sie neben Erfolgen auch Niederlagen, Schuld und Erfolglosigkeit als menschliche Realitäten wahrnimmt und den Umgang mit Schwächen und Schwachen ermöglicht.
Und Religion ist immer ein konkretes Welt- und Glaubensverständnis, das unter jeder Verallgemeinerung hin zum ?Religiösen" sein Profil und damit seinen Wirklichkeitsbezug verlöre.

Religiöse Bildung ist ein Element aktiver Freiheit.
Der Evangelische Religionsunterricht gehört für eine Vielzahl von Familien, die dieses Angebot für ihre Kinder in Anspruch nehmen, zu den zentralen Bildungsangeboten unserer Kirche, auch wenn damit keine Kirchenzugehörigkeit verbunden ist.
Deswegen ist Religionsunterricht? ... ?und Brandenburg gerade nicht ein Fach für diejenigen, die in ihrer Religion unterwiesen werden, sondern vielmehr ein Angebot für alle Schülerinnen und Schüler, die religiöse Kompetenz erwerben wollen. Die Teilnehmer des Religionsunterrichts werden in die Lage versetzt, zwischen verschiedenen Religionen zu unterscheiden und zu prüfen, inwieweit religiöse Angebote seriös und hilfreich für ihre Lebensgestaltung sind oder welche Gefahr sich für sie dahinter verbirgt.
Daraus erwächst Partizipationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen auch dann, wenn sie keine häuslichen Zugänge zu einer Religion haben oder wenn sie häusliche Erfahrungen erweitern oder ergänzen wollen. Darüber hinaus vermittelt Religionsunterricht eine interreligiöse Kompetenz, in der die Bedeutung der Religion im Begegnungskontext der Kulturen einbezogen wird. Der in unseren Rahmenlehrplänen festgehaltene und grundlegende ?Perspektivwechsel" ist Ausdruck dieser modernen Offenheit religiöser Bildung.

2. Politische Ausgangstage - zunächst aus der Perspektive ?Ost" Auf dem Hintergrund der Geschichte einer antireligiös geprägten Volksbildung in den Schulen der DDR gab es zwar in vielen Familien Religiosität, jedoch wurde dies in der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert.
Dennoch haben viele Familien ihre Verbundenheit zur Kirche bewusst gestaltet und ihren Glauben auch unter Inkaufnahme von Nachteilen öffentlich gemacht und haben dadurch in ihrem persönlichen, beruflichen und privaten Umfeld Respekt generiert. Nicht selten führte ein enger Kontakt zu den Partnerkirchengemeinden des Westens zu einer Horizonterweiterung sowohl in politischer als auch in kirchlicher Hinsicht.
Darüber hinaus haben trotz rückläufiger volkskirchlichen Traditionen zunehmend aktuelle Fragestellungen der Kirchen zu den Themen Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung dazu geführt, dass Kirchen und Kirchentage mit ihren Angeboten attraktiv und alternativ zur sonstigen staatlichen Doktrin wurden. Spätestens während der Achtziger Jahre hat die Evangelische Kirche in der DDR ein hohes Maß an Aufmerksamkeit akquiriert, das sowohl bei Jugendlichen als auch bei deren Familien das Interesse an der Kirche weckte. Der Kirche wurde dabei eine wichtige Alternative zur staatlichen Erziehungs- und Friedenspolitik zugeschrieben, aufmerksam verfolgt und begleitet durch westliche Medien, was wiederum ein besonderes Interesse der Sicherheitsorgane der DDR an kirchlich geprägten Familien und Jugendlichen geweckt hat.
Daraus erwuchs für die Kirche die Aufgabe, selbst Sorge um die Frage der Anliegen und der Ziele derer zu tragen, die sich unter ihrem Dach einfanden. Der damalige Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Gottfried Forck, hat das Problem und seine Lösung in einem Merksatz geprägt, der bis heute Gültigkeit hat: Die Kirche ist für alle da, aber nicht für alles.
Auf diesem Boden sollte religiöse Bildung nach der Wende für die nächste Generation organisiert und zugänglich gemacht werden. Und zwar nicht unter der Maxime, in erster Linie den kirchlichen Nachwuchs zu sichern, wenngleich von Menschen, die die freimachende Botschaft des Evangeliums für sich erfahren haben, in einer demokratischen Gesellschaft nicht erwartet werden darf, dass sie sich dieser Botschaft wegen schämen müssten. Aber es war und ist nicht das Anliegen des Evangelischen Religionsunterrichts, die Schule als Missionsfeld zu nutzen. Vielmehr soll religiöse Bildung so vermittelt werden, dass Kinder die einmalige Möglichkeit haben, unter dem geschützten Dach ihrer Schule religiöse Kompetenzen zu erwerben, ohne sich dazu bekennen zu sollen. Dabei werden sie zugleich dem Ernstfall begegnen: Der Religionslehrkraft, die von sich sagen kann und wird: Ja, ich glaube und ich sage euch auch warum!
Viel ernster wäre der Fall, in dem Lehrkräfte des Religiösen spöttisch oder verhalten erklären: ?Selber glauben kann und will ich nicht, was ich Euch über den Glauben vermittle.". Ein solcher Unterricht kann keinen Anspruch darauf erheben, einen offenen Diskurs zu fördern, im Gegenteil. Deswegen ist die Erteilung von Religionsunterricht nach den Grundsätzen der Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften an Lehrpersonen gebunden, die zu einem solchen Unterricht nicht gezwungen werden dürfen, sondern vielmehr über ihre fachliche Qualifikation hinaus eine zusätzliche kirchliche Beauftragung, die Vokation, benötigen.

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4. Evangelischer Religionsunterricht im Land Brandenburg

? Pioniere waren es ? die sich in die ländlichen Gefilde unserer Landeskirche aufmachten und kontinuierlich bemüht waren, Evangelischen Religionsunterricht aufzubauen. In Brandenburg konnte man dabei nicht an ein Schulfach anknüpfen, aber es gab LER (?Lebenskunde, Ethik, Religion", später hieß es ?Lebenskunde, Ethik, Religionen", jetzt heißt es ?Lebenskunde, Ethik, Religionskunde"), ein Schulfach, das die begründete Scheu der ostdeutschen kirchlichen Erziehungsexperten aufnahm ?...Wir rücken nicht, nachdem die Roten aus der Schule raus mussten, als Schwarze nach." Die Kinder sollten lernen, ihr Leben unter freiheitlichen Konditionen zu gestalten und dabei sowohl der säkularen Ethik als auch der Religion begegnen können.
Für die religiösen Themen, so war LER konzipiert, sollten ?Experten" der Kirchen dazu kommen. Das Scheitern der so genannten ?Integrationsphase" hat Illusionen beseitigt, spätestens vor dem Bundesverfassungsgericht, wo Argumente ausgetauscht, gewichtet und ihrer juristischen Schärfe beraubt wurden. Es folgte ein Spruch, der ein Vergleich und kein Urteil war. Eine Vereinbarung sollte die religiöse Unterweisung als Religionsunterricht in der Schule ermöglichen und die im Religionsunterricht erbrachten Leistungen sollten auf dem staatlichen Zeugnis erscheinen können. Wobei ein wichtiges Element die vereinbarte Möglichkeit der Abmeldung vom Unterricht in LER ist, sofern der Religionsunterricht nicht zusätzlich besucht werden soll.

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Inzwischen können wir in Brandenburg eine relative Normalität, häufig gar konstruktive Koexistenz, verbunden mit guter Zusammenarbeit zwischen den Fächern LER und Evangelischer Religion bescheinigen. Das verdanken wir vor allem unseren Lehrkräften, die unbeirrt auf hohem Qualitätsniveau und unter schwierigen Bedingungen so unterrichtet haben und unterrichten, dass die Nachfrage steigt.
Nach den ersten zehn Jahren wurden in Brandenburg 19.000 Schülerinnen und Schüler im Evangelischen Religionsunterricht ermittelt. Das war 1999. Jene 19.000 sind längst aus der Schule und werden hoffentlich etwas anfangen können mit ihren schulisch erworbenen religiösen Kompetenzen. Jetzt sind es 34.000 Schülerinnen und Schüler und unter ihnen sind vermutlich schon die Kinder der ersten ?Reli-Generation", die in Brandenburg den Evangelischen Religionsunterricht besuchten. Die Schülerinnen und Schüler aus Brandenburg kompensieren inzwischen als Land-Stadt-Ausgleich die realen Verluste an Religionsunterrichts- Teilnehmern aus Berlin, sodass wir trotz einer drastisch reduzierten Gesamtschülerzahl in Berlin und Brandenburg während der vergangenen zwölf Jahre insgesamt stabile unveränderte Teilnehmerzahlen haben.

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7. Religionsunterricht in Gegenwart und Zukunft
Zwanzig Jahre nach dem Aufbau des Religionsunterrichts im ehemaligen Osten, zehn Jahre nach dem Ende des Streits in Brandenburg und drei Jahre nach dem Volksentscheid in Berlin ist der Evangelische Religionsunterricht ein stabiler Faktor der Bildungsarbeit unserer Kirche. Inzwischen reden wir von Kooperationen, also von einem Diskurs, der sich neben Ethik und LER natürlich auch auf andere Fächer erweitern lässt.
Kooperation meint das Gegenteil von Separation. Kooperation ist das Zusammenarbeiten zweier Fächer oder zweier Konfessionen, meint unterschiedliche aber auch sich ergänzende Angebote.
Was bereits vor Jahrzehnten in Hamburg als ?Religionsunterricht für alle in Evangelischer Verantwortung" und seit 12 Jahren in Niedersachsen als ?Konfessionell Kooperativer Religionsunterricht" real und erfolgreich praktiziert wird, sollte uns in Berlin und Brandenburg ermutigen, gemeinsam mindestens mit dem Katholischen Religionsunterricht nach dem Ausbau der praktikablen Kooperationsform zu suchen. Dabei müssen die Unterschiede zwi- sehen evangelisch und katholisch nicht verwischt, sondern im Gegenteil bewusst gemacht werden. Mit dem ?Lot-Prinzip", so nennen wir die derzeitige evangelisch - katholische Trägerkooperation, gibt es Erfahrungen, deren Auswertung und Ausweitung geboten ist. Sie würde vermutlich von vielen als (christlicher) Religionsunterricht entweder in evangelischer oder in katholischer Verantwortung begrüßt, an dem die jeweils am anderen Unterricht interessierten Schülerinnen und Schüler souverän teilnehmen. So ließen sich Effektivität und Attraktivität steigern, ohne dass dafür die strukturellen oder vertraglichen Konditionen verändert werden müssten.
Natürlich werden bei diesem Thema immer diejenigen wach und aktiv, die generell für eine Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts in den Schulen eintreten. Deren Stimme muss gehört werden, denn sie geben sich als Sprecher der Konfessionslosen, auch wenn gerade deren Kinder unsere Unterrichtsangebote nutzen.
Die Gegner des konfessionellen Religionsunterrichts werden mit ihrer Forderung nicht nach- lassen, die schon bei der Einführung des Fachs Ethik in Berlin eines ihrer wichtigsten Argumente war: Lasst den Dialog der Religionen (und der Religionslosen) im Klassenzimmer stattfinden. Sie fordern es, auch wenn alle erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse verbieten, dass Schülerinnen und Schüler unter dem Dach der Schule im Klassenverband für ihre eigene Konfession eintreten und sie im Diskurs mit anderen verteidigen müssen. Das erinnert mich an eine Zeit, in der es in der Klasse zu Spottattacken gegen Kinder kommen konnte, die die Christenlehre besuchten. Auch wenn einige von ihnen aufgrund solcher Schlüsselerlebnisse später engagierte Gemeinde- und Jugendpfarrer wurden. Deshalb muss sorgsam und verantwortlich mit der Frage umgegangen werden, welcher Dialog über den christlichen Rahmen hinaus gewünscht und zulässig ist. Und die berechtigte Erwartung der unverzichtbaren Musikalität von Musiklehrern gilt meines Erachtens gleichermaßen für die Religiosität von Religionslehrern.
Die Auseinandersetzung über die Religion und Weltanschauung kann nur auf der Grundlage seriöser religiöser Kompetenz so erfolgen, dass Kinder und Jugendliche nicht als Sieger oder Unterlegene aus diesem Diskurs hervorgehen und das kann nur gelingen, wo religiöse Kompetenz die Grundlage der Debatte bildet.
In jedem Fall lohnt es, religionskundliche Projekte dort zu betrachten, wo sie bereits getestet werden. Beispielsweise wird zurzeit im Kanton Zürich ein Schulfach ?Religion und Kultur" erprobt. Es löst in der Primarstufe das Fach Biblische Geschichte und in der Sekundarstufe den dort bereits vorhandenen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht ab. Die Meinungen gehen nach zwei Jahren des Versuchs weit auseinander: Befürworter auf der einen, Kritiker und Skeptiker auf der anderen Seite, die Grundüberzeugung aller ist jedoch unüberhörbar: Religion gehört zur Allgemeinbildung. Nur so wird Fundamentalismen oder Radikalismen entgegengewirkt und ein damit verbundenes Gefahrenpotenzial vorbeugend entlarvt. So verhindern wir, dass nicht all jene Recht bekommen, die die Religionen zuerst als Grund ewiger Auseinandersetzungen beschreiben. Wir schaffen ja die Elektrizität auch nicht ab, nur weil es immer wieder schlimme Unfälle gibt. Sondern wir lehren, damit umzugehen.
Religion ist das Wissen um den Glauben von Menschen und stellt damit einen unverfügbaren Schatz dar. Wir versuchen im Unterricht, uns diesem Schatz zu nähern. Er beschreibt die Sehnsucht und stärkt die Hoffnung vieler Menschen auf Gott. So können wir dem Himmel begegnen, unsere Kinder taufen, unsere Teenager konfirmieren, unsere Töchter und Söhne verheiraten und unsere Eltern gehalten und geborgen wissen unter der größten Dimension des Lebens, die mehr ist als Dreidimensional.
Dies zu glauben ist die eine Sache. Die andere ist es, davon zu wissen. Dies zu lehren, die unsrige.
?Religionsunterricht bedeutet Bildungszuwachs. Für alle.

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gekürzt und mit freundlicher Genehmigung Steffen-R. Schultz (Leiter der Bildungsabteilung des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin - Brandenburg - schlesische Oberlausitz, auf dem Schuljahresempfang in Berlin am 16. 08. 2012)

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